Wortspende: Wir schaffen nichts Bleibendes, sondern nur Ramsch.

Thomas

Weber

Biorama, Herausgeber

Als Herausgeber eines Magazins für Nachhaltigkeit, was verbinden Sie mit „Wegwerfgesellschaft“?

Mode ist mir nicht besonders wichtig, Gewand trage ich deshalb lange, auch Schuhe lasse ich reparieren und ich kaufe generell lieber hochwertig, was meist nach kurzer Zeit tatsächlich billiger kommt und ich versuche ganz generell, mich nicht dem Einweg-Diktat zu beugen. Das geht zu Hause ganz gut, da verwenden wir z.B. wiederbefüllbare Soda-Ampullen anstatt Mineralwasser. Ich liebe Kohlensäure, halte es aber für bescheuert, Mineralwasser oder teure Softdrinks heimzuschleppen. Wir trennen strikt Müll, der Komposthaufen ist der einzig ganzjährig frequentierte Ort im Garten, wir haben sehr wenig Plastikmüll, aber ganz Zero Waste halte ich für schwer machbar. Am schwersten ist es unterwegs. Ich muss privat leider oft quer durch Österreich fahren, bin Besitzer einer ÖBB-Jahrescard und habe für längere Strecke immer meine Wasserflasche für Bergtouren dabei. Aber auf der Strecke Wien-Vorarlberg brauche ich einfach mal einen Kaffee – und der kommt im beschichteten Einwegbecher mit Plastikaufsatz, die Kondensmilch kommt in Einwegcups mit Plastiklöffel. Auch im Nachtzug und Liegewagen ist beim Frühstück alles Einweg. Als ich einmal 1. Klasse gefahren bin habe ich gesehen, dass dort Tassen verwendet werden. Es würde also schon gehen. Also ja, wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Ich glaube nicht, dass wir die in absehbarer Zeit ganz überwinden können, aber wir müssen im ersten Schritt möglichst rasch weg von der Einweggesellschaft. Die ÖBB zum Beispiel sehe ich da ganz klar am Zug.

Glauben Sie können wir die Welt retten, indem wir in Second-Hand-Geschäften einkaufen?

Ich glaube, dass schon viel gewonnen ist, wenn wir es schaffen, Second-Hand-Geschäfte zu retten. Derzeit deutet alles darauf hin, dass es davon bald nur mehr ganz wenige gibt, weil die Mode schlicht zu trashig und minderwertig ist und die Produktlebenszyklen alle zu kurz sind, als dass eine Zweit- oder Drittverwertung überhaupt noch möglich wäre. Diese Entwicklung gibt es in vielen Bereichen. Ich habe weder Geld, noch Zeit, mich mit Antiquitäten zu beschäftigen, aber Menschen, die sich ernsthaft damit auseinandersetzen, bedauern, dass unser Zeitalter der Pressspannplatte und der Kunststoffscharniere nichts Bleibendes schafft. Damit meine ich jetzt auch gar nicht nur den schwedischen Selbstbaudiskont. Auch in dem, was früher Mal Möbelhaus hieß, gibt es derzeit nur Ramsch. Was wir an Häusern bauen: mehrheitlich Sondermüll. Das muss sich wieder ändern. Und, um auf die polemische Frage polemisch zu antworten: Es wird von uns keine Antiquitäten mehr geben, bloß Müll. Ich finde das ja richtig absurd, dass bei Grabsteinen, von denen wir nichts haben, in Jahrzehnten gedacht wird, im echten Leben aber nicht. Und weil ich versuche, einerseits politisch und andererseits in praktischen Schritten zu denken, fordere ich zu allererst: Lasst uns die Second-Hand-Läden retten!.

Ihr Buch heißt „Ein guter Tag hat 100 Punkte“. Wie müssten wir denn leben, um 100 Punkte zu schaffen, wenn wir von den Bereichen unseres Schwerpunkts Textilien, Elektrogeräten und Verpackungen ausgehen?

Die 100 Punkte stehen in einem Koordinatensystem für die 6,8 Kilogramm CO2, die wir alle jeden Tag „verbrauchen“ dürften. Tatsächlich nähere auch ich mich an den meisten Tagen der 100-Punkte-Grenze von oben. Wir in Österreich und Deutschland leben alle über unsere Verhältnisse. Das liegt vor allem daran, dass wir jegliches Maß verloren und uns der Blick für den wahren Preis der Dinge abhanden gekommen ist – aus Bequemlichkeit und weil die Verlockungen groß sind. Klingt schrecklich mahnend: Aber je bequemer wir jetzt sind, desto unbequemer und schmerzhafter wird’s in den nächsten Jahrzehnten. Wie bei allem gilt: Weniger ist mehr – auch bei Textilien, Elektrogeräten, Verpackungen. Uns muss bewusst sein, dass die 260-Euro-Waschmaschine aus dem Prospekt ein Wegwerfprodukt ist. Wenn ich meine, mir wirklich keine hochwertigere leisten zu können, dann vielleicht eine mit den Nachbarn gemeinsam anschaffen? Zumindest in Wohnhäusern geht das. Die Waschküche von früher hatte nicht nur eine soziale Komponente, sie half auch Ressourcen zu schonen. Das erinnert mich gerade daran, dass ich endlich nähen lernen muss: Ich möchte Kleinigkeiten selbst ausbessern können, habe das aber nie gelernt. Das trifft mittlerweile auf ganze Generationen zu. Das ist kein reaktionäres Credo, sondern wir müssen manche Kulturtechniken aktualisieren, uns einiges wohl auch schlicht wieder aneignen. 

Die AktivistInnen von Fridays for future gehen für Verbote und Klimaschutz auch die Straße, andere wollen die Wahrheit lieber nicht so offen hören und meinen: „Ihr wollt ja auch alles verbieten.“ Was halten Sie von Reglementierungen?

Ich bin kein großer Freund von Verboten, manche sind aber sehr wohl sinnvoll. Die Politik ist leider so elendiglich feige. Einerseits wird unzulässig vereinfacht. Andererseits herrscht Angst, Entscheidungen zu treffen. Dauernd wird von „Anreizen“ gefaselt, die dann höchstens halbherzig umgesetzt werden. Natürlich ist alles kompliziert und das mag meinetwegen „nerven“, wenn wir uns an eine Medienwelt gewöhnt haben, in der alles klar als Gut oder Böse benennbar scheint. Es braucht handfeste Maßnahmen und, nur zum Beispiel, CO2-Steuern und Kostenwahrheit bei Flügen. Jeder, der günstig nach London oder Madrid jettet, lässt andere dafür bezahlen. Ich bin nicht dafür fliegen zu verbieten, aber steuernd einzugreifen. Meinetwegen wird dann die Mobilität ein wenig eingeschränkt. Aber es gibt ja auch positive Entwicklungen, wie das „DiscoverEU“ Programm, wo tausende Interrail-Tickets an Jugendliche verlost werden, damit sie Europa kennenlerne. Das sollte noch ausgeweitet werden und, ganz wichtig, für alle gesellschaftlichen Gruppen. Auch Lehrlinge sollten, wenn sie wollen, wieder auf die Walz gehen. Nur halt nicht im Billigflieger hin und her. Ich diskutiere viel auf meinen Lesungen, mit Pensionisten genauso wie mit HTL-Schülern, ich halte Workshops an Mittelschulen auch in ganz entlegenen Gegenden, wo sich Schülerinnen und Schüler in Österreich manchmal gar nicht wirklich vorstellen können, dass irgendwo das Wasser knapp werden könnte. Manches ist für sie sehr abstrakt. Die meisten machen sich aber wirklich Gedanken, wobei sie teilweise von widersprüchlichen Aussagen verunsichert sind. Ist Palmöl jetzt schlecht? Oder doch besser als das, was stattdessen zum Einsatz kommen würde? Die Beschäftigung mit solch komplizierten Fragen mag nervig sein. Aber sie bleibt uns nicht erspart. Viele Lehrerinnen und Lehrer sind da zum Glück sehr engagiert.

Viele Produkte unseres täglichen Bedarfs sind derzeit nicht nachhaltig gefertigt. Wann wird nachhaltig endlich normal und welche Rolle haben KonsumentInnen dabei?

Nicht in unserer Rolle als Konsument, sondern als Bürgerinnen und Bürger sind wir letztlich gefordert. Einerseits natürlich durch Wahlen und durch eigenes politisches Engagement. Andererseits schon auch, indem wir durch Kaufkraft entscheiden. Das löst vielleicht nicht gleich globale Probleme, motiviert aber neue Ideen und inspiriert oder erfordert neue Lösungsansätze. Engagement ist allerdings Trumpf, ob in Parteien oder NGOs. Lange vor Greta Thunberg habe ich auf die Frage „Was kann ich denn überhaupt tun?“ als Beispiel dafür, was ein Individuum bewegen und anstoßen kann, an Schulen zum Beispiel immer den Datenschützer Max Schrems genannt. Natürlich muss nicht jeder Jus studieren und gegen Facebook ins Feld ziehen. Aber man kann ja zum Beispiel Max Schrems unterstützen. Oder das Engagement von Sepp Eisenriegler (Anm: Gründer des Reparaturzentrums R.U.S.Z). Ich bewundere, wie er – als engagierter Unternehmer – Nägel mit Köpfen macht, hochkomplexe Probleme angeht und neue EU-Standards für die Reparaturfähigkeit von Elektrogerten definiert hat. Und jetzt Greta Thunberg – das sind wunderbare Role Models. Wie schnell Wandel gehen kann, sehen wir an einem ganz anderen Beispiel: Noch vor ein paar Jahren wurde überall geraucht. Es war selbstverständlich, dass auch am Arbeitsplatz fast überall geraucht wurde – was wiederum heute unvorstellbar ist. Wie umstritten waren diese Verbote damals. Heute sind die allermeisten darüber sehr froh.

Was sagen Sie Menschen, die meinen „nachhaltig gut und schön, aber das muss man sich erst leisten können“?

Die begegnen mir tatsächlich immer wieder, zum Beispiel wenn es um Bio-Produkte geht. Aber ehrlich gesagt höre ich diese Argumentation ausnahmslos von Menschen, die sie sich selbst sehr wohl leisten könnten und sich damit eine Rechtfertigung schaffen, beim Einkauf bequem und undurchdacht ihren Impulsen folgen zu können. Tatsächlich muss man sich ja gerade das erst einmal leisten können: ohne viel Nachdenken alles einzukaufen, wonach einem im Supermarkt gelüstet. Demgegenüber stehen Alleinerzieher, die sehr genau haushalten, auf Saisonalität, Regionalität und Bio achten – und für die sich das ohne allzu große Einschränkungen ausgeht. Zum Abschluss eine Gegenfrage: Muss es sich jeder leisten können, zwei bis dreimal im Jahr irgendwohin auf Urlaub fliegen zu können? Abgesehen davon, dass ich selbst mir das nicht leisten könnte, meine ich: Es gibt ein Menschenrecht auf Erholung und Freizeit, aber keines auf Billigflugreisen.

Thomas Weber, 41, Herausgeber von Biorama, Buchautor – zuletzt „100 Punkte Tag für Tag, Miethühner, Guerilla-Grafting und weitere alltagstaugliche Ideen für eine bessere Welt“ – sowie Herausgeber der Buchreihe „Leben auf Sicht“ im Residenz Verlag. Lebt in Niederösterreich, arbeitet in Wien, pendelt als zweifacher Vater regelmäßig nach Vorarlberg. #Railjetset

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1 Comment

  1. Sehr geehrter Herr Weber!

    Mit Ihren Antworten haben Sie mir aus der Seele gesprochen. Bei der Secondhandshop-Empfehlung habe ich gerechnet: Solch ein Einkauf ist für mich seit 45 Jahren selbstverständlich. Wenn ich heute in so einem Laden das Gesuchte nicht finde, so gibt es noch genügend Flohmärkte.

    Meine Tochter hilft in Repair-Cafés mit – die sind auch in Tirol im Wachsen.

    Weiterhin viel Erfolg wünscht Ihnen
    Inge Welzig

    Reply

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Greenwashing oder Grünfärberei wird schon lange diskutiert und damit werden Kommunikations- und CSR-Maßnahmen oft größerer Unternehmen bezeichnet, die aufgrund umweltschädlicher Produktionsweisen (Palmöl, Kinderarbeit, Wasserverschmutzung u.s.w.) in Verruf geraten waren. Mittels „Greenwashing“ würden sie dieses schlechte Image zurechtrücken wollen, so Kritiker wie etwa Werner Boote.

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