Wegwerfen darf sich nicht lohnen! – Interview mit Valentin Thurn

Okt 8, 2016

Valentin Thurn ist Dokumentarfilmer, Journalist und Autor. Spätestens seit seinem Film Taste the Waste (2011) ist Thurn eine Leitfigur im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung. Er ist Mitbegründer der Food-Sharing Initiative in Deutschland und wurde für sein Schaffen und sein Engagement mehrfach mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet.

Thurn bei Dreharbeiten zum Film „10 Milliarden“, © Prokino

Thurn bei Dreharbeiten zum Film „10 Milliarden“, © Prokino

MUTTER ERDE: Lebensmittelverschwendung ist ein großes Problem. Mehr als 1/3 der produzierten Lebensmittel werden laut UNO weggeworfen. Welche Lösungen gibt es, wo müssen wir ansetzen? 

Valentin Thurn: Es braucht übergreifende Lösungen, es macht keinen Sinn einzelne in der Kette an den Pranger zu stellen. Wegwerfen muss finanziell bestraft werden und zwar über die gesamte Wertschöpfungskette. „Optisch beeinträchtigtes Gemüse“ sollte beispielsweise nicht billiger als „Kategorie B“ Ware verkauft werden, sondern mit dem normalen Obst- und Gemüsesortiment. Solche Ansätze gibt’s, etwa bei Penny in Deutschland, aber es braucht finanzielle Anreize. Bewusstseinskampagnen sind gut greifen aber zu kurz, weil der Konsument – wenn man die Landwirtschaft miteinbezieht – bei weitem nicht das größte Problem ist.

Es ist billiger, ein Netz Orangen wegzuwerfen als die Schlechten auszusortieren.“

 

MUTTER ERDE: Warum bewegt sich so wenig, gibt es Blockaden und wenn ja, wo sind die?

Valentin Thurn: Blockaden gibt es vor allem von Seiten Handel und Industrie: wenn KonsumentInnen weniger wegwerfen, wird weniger verkauft. Daran haben sie aber nur bedingtes Interesse. Erfreulicherweise gibt es langsam solche, die auf Qualität setzen, aber in der Masse ist das (noch) nicht angekommen. Der Lebensmitteleinzelhandel hat eine große politische Macht und verhindert, dass die Politik sinnvolle Rahmenbedingungen setzt. Andere Länder wie Großbritannien, Frankreich, Italien sind da einen Schritt weiter und haben das Problem erkannt und steuern gegen.

„Die Ideologie des Freihandels führt zu globalisierten Industriefabriken.“

 

Valentin Thurn: Es ist billiger, ein Netz Orangen wegzuwerfen als die Schlechten auszusortieren. Foto: Alex Weis

Foto: Alex Weis

MUTTER ERDE: Wie kommt es eigentlich zu dieser hohen Verschwendung, niemand verschwendet schließlich gerne etwas?

Valentin Thurn: Der Handel möchte einwandfreie Ware und randvoll gefüllte Regale weil er dann mehr verkauft. Das führt zu Verschwendung. Aber erfreulicherweise verstehen immer mehr KonsumentInnen, dass Qualität nichts mit optisch perfekter Ware zu tun hat. Handel, Industrie und Bauernverbände beeinflussen die Politik, die nicht ins Wirtschaftsgeschehen eingreifen will. Aber das müsste sie, denn bei den Preisen herrscht Kostenunwahrheit: Wären Subventionen, Umweltschäden etc. in den Preisen abgebildet, sähe die Situation anders aus und wir KonsumentInnen würden andere Sachen kaufen.

„Man muss sich schon wundern, wie es passieren konnte, dass wir jahrzehntelang weggeschaut haben, auch ich.“

 

MUTTER ERDE: Sie haben politische Rahmenbedingungen angesprochen. Was kann die Politik tun?

Valentin Thurn: Derzeit sind die Arbeitskosten höher als die Kosten des Produkts, deshalb ist es billiger ein ganzes Netz Orangen wegzuwerfen als die Schlechten auszusortieren. Auch die Umweltkosten – also die Kosten die durch Pestizide, Klimawandel, etc. entstehen – sind in den Preisen nicht abgebildet. Die trägt aber letztendlich die Allgemeinheit, also jeder und jede von uns. Ob mit freiwilligen Vereinbarungen oder mit Verboten, die Politik ist gefordert dafür zu sorgen, dass das Wegwerfen aufhört. Bewusstseinskampagnen, die sich an die Bevölkerung richten, reichen dafür sicher nicht aus.

MUTTER ERDE: Wie sehen Sie die Diskussion um TTIP und CETA in diesem Zusammenhang? Valentin Thurn: Freihandel ist beim Thema Essen ein echtes Problem: Grundnahrungsmittel werden von A nach B transportiert. Wozu? Essen ist keine „normale“ Ware. Essen hat einen direkten Einfluss auf die Natur, dient dazu eine Kulturlandschaft zu erhalten. Die Ideologie des Freihandels führt zu globalisierten Industriefabriken. Essen sollte aber regional sein, sollte die Menschen mit ihrer Umgebung verankern.

MUTTER ERDE: Wie kamen Sie zu dem Thema Lebensmittelverschwendung?

Valentin Thurn: Umweltthemen interessierten mich immer. 2007 traf ich dann das erste Mal Mülltaucher, und fragte mich: warum machen die das, was ist das für ein Lebensstil? Ein Protest? Erst als ich sah, was sich in den Tonnen befand, überkam mich das Gefühl des Zorns. Was ist das für ein krankes System, in dem wir soviel wegwerfen? Bei mir kommt auch noch die Erziehung ins Spiel, wo meine Familie nach dem Krieg unter Hunger litt. Meine Mutter hatte die Haltung: Essen ist heilig und Wegwerfen ist „Sünde“.

MUTTER ERDE: Was planen Sie als nächstes zum Thema Lebensmittelverschwendung?

Valentin Thurn: Mich beschäftigt die Frage: wie wollen wir leben? Warum essen wir mehr und mehr Convenience food? In meiner Heimatststadt Köln brachte ich deshalb einen Prozess ins Laufen, der sich um diese Fragen dreht, wie wir leben wollen. Der Hintergrund ist der, dass Ernährungspolitik immer weiter von uns weg wandert: Wien, Brüssel, mit TTIP werden Entscheidungen über Essen sogar transatlantisch. Deswegen muss das Thema Ernährung und Essen in die Kommunen zurück: wir gründeten einen Ernährungsrat nach dem Vorbild der Food Policy Councils in den USA, die es dort seit 10-20 Jahren gibt. Wir wollen unsere Gesellschaft mitgestalten und auch anderen zeigen, dass das „bei sich Planen“ möglich ist. Die Erfahrung zeigt, dass die Hebel am stärksten sind und am meisten weitergebracht wird, dort ist, wo Verwaltung und Zivilgesellschaft zusammenarbeiten. Und diesen Versuch wollen wir auch in Köln machen und anderen Kommunen als Vorbild gelten. Über unser Essen wird in Konzern-Zentralen und europäischen Behörden entschieden, immer weiter weg von uns. Wir wollen das wieder in unsere Hände nehmen und auf lokaler Ebene nachhaltige Strukturen in der Landwirtschaft unterstützen. Man muss sich schon wundern, wie es passieren konnte, dass wir jahrzehntelang weggeschaut haben, auch ich. Wir haben viel über Verpackungsmüll geredet, aber den Lebensmittelmüll haben wir lange nicht beachtet.

MUTTER ERDE: Danke für das Gespräch und alles Gute für Ihre weiteren Projekte!

 

Links:

www.thurnfilm.de

Ernährungsrat-koeln.de

www.filmsortiment.de

Unterrichtsmaterial für Lehrer kostenlos auf www.10milliarden-derfilm.de

 

Das Gespräch führte Manuela Achitz im Mai 2016